Franz 1

30. Apr, 2015

Franz kam um halb zwei nach Hause . Im Hausflur roch es nach Thymian und Salbei und ausserdem nach einer bestimmten Sorte Tabak , die er aber nicht genau definieren konnte. Nur flüchtig und am Rande nahm er diese Gerüche auf, die Ihn an Frau Werfelmann erinnerte, die wieder Ihre berühmte Kartoffelsuppe kochte und an Herrn Eisenfels , der wieder heimlich im Flur , die Wohnungstür halb offen , eine seiner von seiner Frau geächteten  Tabakspfeifen rauchte. All Dieses spielte sich in seinem Gehirn ab , doch seine Gedanken waren schon weit voraus in seiner Zweizimmerwohnung im zweiten Stock  , schön ruhig  , die Tür hinter sich schliessend . Seine Gedanken eilten voraus in das kleine Zimmer mit dem Rechner , und er sehnte sich danach , endlich seine Post durchzusehen , ob Er Ihm geschrieben hat. Kaum konnte er vor Aufregung die Treppe hinaufgehen und dachte immer nur , hoffentlich spricht mich niemand an , so dass ich auch noch mit Ihm reden muss. Alles ging gut, er traf niemanden auf der Treppe und nahm mit zittrigen Händen seine Schlüssel aus der Tasche ,die Ihm natürlich aus der Hand fielen , und er  , hochrot im Gesicht , sie aufhob und endlich den Schlüssel im Schloss hatte und aufschloss. Erleichtert lehnte er sich von innen gegen die Tür und atmete erst einmal kräftig aus. Franz liess seine Tasche fallen und im gehen zog er sich die Jacke aus und schleifte sie hinter sich her , bis sie zu Boden fiel. Endlich war Franz im kleinen Zimmer und an seinem Computer , und er hatte Post. Sein kleines Gesicht mit dem viel zu grossen Mund wurde rot vor Freude und seine Sommersprossen fingen an zu hüpfen , weil eine Träne aus seinen blauen Augen über sie lief. Er nahm sich nicht die Zeit , sich zu setzen, sondern sah sich gleich im Stehen seine von Ihm so heiss ersehnte Nachricht an. Dort stand , lieber Franz , komm zu mir nach Berlin,  ich brauche Dich hier , komm sobald wie möglich und vergiss unseren Streit , dein Gregor. Jetzt war Ihm auch klar , wie sein Leben weitergehen könnte , endlich würde er zeigen können , was in ihm steckt , endlich die Anerkennung bekommen , die er sich von diesem Mann , den er über alles liebte , seinem Vater , erhalten.

Am nächsten Morgen , in aller Frühe , nachdem er sich beim Hauswirt für längere Zeit abgemeldet hatte , fuhr er mit dem 9- Uhr Zug in Richtung Berlin. Fast alle Brücken hinter sich abbrechend  fuhr er einer neuen Zukunft entgegen. Das Abteil des Schnellzuges war nicht voll , er konnte in Ruhe seinen Gedanken nachhängen , während draussen ein leichter Nieselregen gegen die Scheiben fiel und einzelne Regentropfen herunterliefen , denen er nachsah . Er dachte an den Abend vor 7 Jahren , der die Trennung der beiden Männer herbeigeführt hatte . Er sah den Raum in dem großen Haus auf Hiddensee vor sich , im Kamin brannten knisternd Holzscheite der alten Eiche , die sein Vater gefällt hatte , obwohl Franz sie so sehr liebte . Die Gefühle der ohnmächtigen Wut kamen Ihm wieder in den Sinn und die Unfähigkeit , sie auszudrücken , geschweige denn die Tränen zurückzuhalten immer wenn sein Vater ihn demütigte . Aber das sollte nun alles vorbei sein  und ein neuer Anfang gemacht werden . Er wusste , sein Vater hatte das Haus , das er als Kind schon so sehr geliebt hatte , verkauft und sich in Berlin eine Eigentumswohnung gekauft . Aber er wollte sich erst einmal in eine kleine Pension einmieten , denn er wusste ja nicht so genau , ob es mit Ihm und Gregor funktionieren würde. Je näher er Berlin kam und der Himmel sich aufklarte , umso mehr krampfte sich sein Herz und das strahlte auf den Magen , es war fast wie Prüfungsangst , aber er kannte eine wirksam Methode , den Würgegriff zu lockern . Er legte sich zurück , schloss die Augen und dachte an nichts , ja er versuchte sich das Nichts vorzustellen ,so wie er es schon oft in seinen Träumen erlebt hatte , Es war ein grosses , nach allen Seiten fließendes und waberndes Etwas , das weder Anfang noch Ende noch Mitte hatte, man konnte sich hineinfallen lassen und herumspülen und wirbeln lassen . Es klappte , und nach umgefähr 10 Minuten öffnete er die Augen und sah zuerst eine S- Bahn. Dieser Anblick versetzte ihn so in Extase , das er gleich seine Angst verlor und das Nichts in unendliche Fernen versank. Dieser Anblick war Ihm vertraut und er hatte das Gefühl , nach Hause zu kommen . Die Zeit seines Studiums in Berlin kam ihm wieder in den Sinn , die Leichtigkeit des Lebens , der Hunger nach Leben , die Streifzüge durch die Clubs und am Wochenende die Ausflüge ans  Wasser und mit dem Boot . Trotdem schaffte er alle seine Aufgaben , denn sie gingen Ihm leicht , wie von selbst von der Hand. Nun war er also wieder da und sein Gesicht leuchtete und sein Gang nahm eine aufrechtere Haltung an . Voller Zuversicht stieg er aus dem Zug und blickte beim letzten Schritt nach oben,um den neuen Hauptbahnhof zu bewundern,den er noch nicht gesehen hatte .Franz